Warum du dich selbst sabotierst, obwohl du längst Expertin bist

Impostor-Syndrom, Hochstapler-Syndrom, Selbstzweifel trotz Erfolg. Viele Namen für dasselbe Gefühl: Du weißt, was du kannst. Du hast Erfahrung, Ergebnisse, zufriedene Klientinnen. Und trotzdem sabotierst du dich selbst, wenn es darum geht, das auch nach außen zu zeigen. Warum das passiert und was dagegen wirklich hilft.

Du sitzt vor deiner Website. Oder vor einem LinkedIn-Profil. Oder du sollst endlich dein Angebot formulieren, deinen Preis nennen, dich irgendwo vorstellen.

Und dann passiert es: Du liest, was da steht, über dich, über deine Arbeit, über das, was du kannst und denkst: Das klingt viel zu gut. So gut bin ich nicht wirklich.

Vielleicht sagst du es laut. Vielleicht nur zu dir. Aber der Gedanke ist da.

Ich kenne das. Und ich kann dir sagen: Du bist in sehr guter Gesellschaft.

Das Hochstapler-Gefühl hat einen Namen

Das, was du gerade beschreibe, nennt sich Impostor-Syndrom. Der Begriff stammt aus den späten siebziger Jahren. Zwei Psychologinnen* haben damals beobachtet, dass hochqualifizierte, objektiv erfolgreiche Frauen fest davon überzeugt waren, eigentlich Hochstaplerinnnen zu sein. Dass ihre Erfolge auf Glück, Zufall oder günstige Umstände zurückgehen. Auf alles mögliche, nur nicht auf ihre eigene Kompetenz.

Seitdem wissen wir: Das Phänomen betrifft nicht nur Frauen, nicht nur bestimmte Branchen, nicht nur Menschen am Anfang ihrer Karriere. Etwa siebzig Prozent aller Menschen erleben es irgendwann. Und besonders häufig zeigt es sich genau dann, wenn du nach außen sichtbar werden musst.

Du vergleichst dich mit einer Fassade, nicht mit einem Menschen

Einer der größten Treiber ist der Vergleich. Du siehst die aufgeräumten Profile deiner Kolleginnen, die souveränen LinkedIn-Posts, die makellosen Websites. Alle wirken so sicher, so klar, so kompetent.

Das Problem: Du vergleichst dein komplettes Ich mit dem besten Teil der anderen.

Du kennst dich mit allem, deinen Zweifeln, deinen schlechten Tagen, den Momenten, in denen du nicht weiterweißt. Die anderen siehst du nur von vorne, mit Schminke, sozusagen. Wenn du an eine Kollegin denkst, die dir besonders souverän vorkommt. Was weißt du eigentlich wirklich über ihre Zweifel? Wahrscheinlich sehr wenig. 

Es ist kein fairer Vergleich. Und er war es nie, auch lange vor Social Media nicht. Auch in Meetings, auf Konferenzen, in Verkaufsgesprächen zeigen Menschen ihre unsichere Seite selten. Alle spielen das gleiche Spiel. Aber du weißt, dass du es spielst.

Bescheidenheit war Pflicht und jetzt sollst du plötzlich sichtbar sein

Hier ist, was ich wirklich glaube: Das Impostor-Gefühl ist kein Zeichen von Schwäche. Es ist eine völlig logische Reaktion auf einen Widerspruch, mit dem du aufgewachsen bist.

Den meisten von uns wurde beigebracht: Sei bescheiden. Stell dich nicht in den Vordergrund. Bilde dir nichts ein. In vielen Familien, besonders in meiner Generation, war Selbstlob schlicht schlechter Stil. Man hat dich nicht gelobt, damit du nicht arrogant wirst. Man hat dir beigebracht, zurückzustehen.

Und jetzt? Jetzt bist du selbstständig. Oder du willst sichtbarer werden. Oder du sollst endlich den Preis nennen, den du wirklich wert bist. Und plötzlich verlangt die Welt genau das von dir, was du dir jahrzehntelang abgewöhnt hast: sie verlangt von dir über dich zu reden, dich zu zeigen, klar zu sagen, was du kannst.

Kein Wunder, dass sich das falsch anfühlt. Es bricht eine Regel, die du so tief internalisiert hast, dass sie sich wie ein Naturgesetz anfühlt. Was hast du als Kind über Selbstlob gelernt? Bei vielen meiner Klientinnen war Bescheidenheit keine Option. Sie war Pflicht. Und das sitzt tief, auch noch mit vierzig, fünfzig oder sechzig.

Was wirklich hilft und was nicht

Es gibt keine Abkürzung, aber es gibt Wege.

Der erste: Schau genauer hin, mit wem du dich vergleichst und womit. Wenn du das nächste Mal denkst: die anderen sind so viel besser, frage dich: Was sehe ich wirklich? Den ganzen Menschen oder nur die Fassade?

Der zweite: Lass deine Kunden sprechen, wenn du selbst nicht tun willst. Du musst nicht behaupten, wie gut du bist. Du kannst zitieren, was andere über dich sagen. Das ist kein Mogeln. Das ist Ehrlichkeit aus einer anderen Perspektive.

Der dritte: Such das Gleichgewicht, nicht die Übertreibung. Niemand mag jemanden, der zu sehr von sich überzeugt ist. Also geht es nicht darum, plötzlich laut und vollmundig aufzutreten, sondern darum, klar und ruhig zu sagen, was du kannst. Ohne Entschuldigung oder Relativierung.

Und wenn das Thema doch noch tiefer sitzt? Dann lohnt es sich, den Überzeugungen auf den Grund zu gehen, die du irgendwann übernommen hast. Nicht weil du verkorkst bist, sondern weil alte Glaubenssätze oft sehr übermächtig sind und sehr wenig mit der Person zu tun haben, die du heute bist.

Du sabotierst dich nicht, weil du schwach bist. Du sabotierst dich, weil du gelernt hast, dass Sichtbarkeit gefährlich ist. Das kann sich ändern. Und es fängt damit an, das Muster zu erkennen

Erkennst du dich in diesem Thema wieder? Schreib mir gerne. Ich freue mich auf deine Gedanken. Und wenn du merkst, dass das Hochstapler-Gefühl bei dir tiefer sitzt, so dass es sich durch ein paar hilfreiche Gedanken oder Fragen noch nicht bewegen lässt, sprich mich an. Genau dafür bin ich da.

 

*Clance, P. R. & Imes, S. A. (1978). The Impostor Phenomenon in High Achieving Women: Dynamics and Therapeutic Intervention. Psychotherapy: Theory, Research and Practice, 15(3), 241–247.

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