Dauerzustand Dilemma
Warum es hilft, auszusprechen, was sich nicht auflösen lässt
Schokoladentorte oder schlank bleiben. Das grüne oder das rote Oberteil. Heute Abend kochen oder doch was bestellen. Dilemmata, Zwickmühlen, Zwiespalte begegnen uns ständig. Die meisten lösen wir im Vorbeigehen, ohne groß darüber nachzudenken.
Aber dann gibt es die anderen. Die, die uns nachts wachhalten. Die, bei denen wir seit Monaten im Kreis drehen. Die, bei denen wir genau wissen, dass keine der beiden Seiten sich wirklich gut anfühlt und bei denen wir trotzdem weiter auf das Wunder warten, das alles auflöst.
Genau darum geht es in diesem Artikel.
Was ein Dilemma wirklich ist
Ein Dilemma ist eine Situation, in der du zwischen zwei Optionen wählen musst und beide haben einen Preis, eine Konsequenz, die du eigentlich nicht tragen willst. Das können zwei unangenehme Optionen sein. Oder zwei gute, von denen du eine aufgeben musst. Was sie gemeinsam haben: Es gibt keine Lösung ohne Verlust.
Was uns dabei am meisten quält, ist meistens nicht das Dilemma selbst, sondern die Hoffnung auf eine Ideallösung, die es nicht gibt. Eine Lösung, ein Wunder durch das die negative Konsequenz einfach verschwindet. Solange wir auf das Wunder warten, benennen wir das Dilemma nicht. Denn das Benennen würde bedeuten, die Hoffnung loszulassen. Das ist der eigentliche Schmerz.
Dazu kommt, was ich Problemhypnose nenne: ein Denken, das sich im Kreis dreht und dabei immer enger wird. Du siehst nur noch das Problem, nicht mehr die Optionen. Du steckst fest, nicht weil es keinen Ausweg gibt, sondern weil Du zu befangen bist, um wirklich hinzuschauen.
Das Dilemma besprechen, mit anderen
Eine Klientin von mir engagierte sich seit Jahren ehrenamtlich in einem Verein, mit vollem Herzen und mit vielen Menschen, die ihr wichtig geworden waren. Irgendwann merkte sie, dass es zu viel wurde. Der Job, die Familie, die anderen Verpflichtungen. Irgendetwas musste sich ändern. Aber wie sollte sie das dem Vereinsvorstand sagen, dem sie sich so freundschaftlich verbunden fühlte? Sie wollte niemanden enttäuschen, keine Lücke hinterlassen, keine Freundschaften gefährden. Also sagte sie nichts und trug das Dilemma alleine weiter.
Was ich ihr vorschlug, war: Sprich es aus, genau so, wie es ist. Sag dem Vorstand, dass du in einem echten Dilemma steckst. Dass du das Engagement liebst und die Menschen, und dass du gleichzeitig merkst, dass du so nicht weitermachen kannst.
Das Aussprechen veränderte alles. Denn plötzlich konnte ihr Gegenüber überhaupt erst reagieren und beim Finden von Lösungen helfen. Es gab eine andere Person, die einspringen konnte. Die Freundschaft war nicht an das Ehrenamt gebunden. Und meine Klientin merkte, dass das Dilemma in ihrem Kopf viel größer gewesen war als in der Realität, weil sie es so lange alleine getragen hatte.
Wenn du ein Dilemma aussprichst, gibst du anderen die Chance zu helfen und dir selbst die Chance, es endlich zu sehen.
Das Dilemma klären, mit dir selbst
Manchmal gibt es kein Gegenüber, dem Du das Dilemma einfach auf den Tisch legen kann. Oder das Dilemma sitzt so tief, dass du es erst für dich selbst klären musst, bevor du überhaupt mit jemandem darüber sprechen kannst.
Langjährige Beziehungen sind dafür ein gutes Beispiel und ein sehr häufiges. Da gibt es die Seite, die trägt: gemeinsame Geschichte, Vertrautheit, Werte, die sich decken, das Leben, das man miteinander aufgebaut hat. Und dann gibt es die andere Seite: die Momente, in denen der Partner nervt, Grenzen überschreitet, einfach nicht der Mensch ist, den man sich erträumt.
Die beiden offensichtlichen Lösungsansätze und damit ihre Konsequenzen sind real. Die eine: Ich beende diese Beziehung und verliere damit alles, was daran gut ist. Der andere: Ich bleibe und muss damit leben, wie es ist.
Solange du so ein Dilemma nicht klar benennst, kreist du zwischen diesen beiden Konsequenzen, ohne wirklich bei einer anzukommen. Das Benennen, auch nur für dich selbst, schafft erst die Klarheit, zu sehen, was wirklich gilt. Oft stellt sich dann heraus: Solange das Gute spürbar überwiegt, ist die andere Seite im Gesamtkontext gar nicht so dramatisch. Es ist möglich gut damit zu leben. Und daraus entwickelt sich eine Toleranz, die aus echter Akzeptanz erwächst, nicht aus Resignation.
Manchmal führt das Klären aber auch zu einem anderen Ergebnis: zum Entschluss, das Dilemma mit dem Partner gemeinsam auf den Tisch zu bringen. Und dann gibt es entweder eine Entwicklung oder, in letzter Konsequenz, eine Trennung. Beides kann eine gute Lösung sein. Lediglich frustriert zu Verharren ist dagegen nie eine. Love it, change it or leave it – daran glaube ich ganz fest.
Wenn es tiefer sitzt
Manchmal allerdings reicht das Benennen eines Zwiespalts alleine nicht, nämlich dann, wenn das Dilemma tiefer verwurzelt ist, als es zunächst scheint.
Als wir unser erstes Haus verkaufen mussten, um unseren Neubau auf Mallorca zu finanzieren, war die Situation rational völlig klar: Das Haus war Kapital, das wir gerade gut gebrauchen konnten. Soweit die Theorie. Emotional war der Verkauf allerdings unvorstellbar. Es war mein erstes eigenes Haus, und ich hatte dazu eine tiefe, irrationale Bindung, die ich aus meiner Familiengeschichte mitbekommen hatte. Rationale Argumente kamen schlicht nicht an.
Was mich damals weiterbrachte, war die Arbeit mit meinem Coach, mit Logosynthese®, der Methode, die genau an solchen tiefen emotionalen Mustern ansetzt und gebundene Energie löst. Erst danach konnte ich wirklich entscheiden. Und dann brauchte ich übrigens noch ein Wochenende, um um das Haus zu trauern. Das durfte sein und danach war es gut.
Übrigens half mir auch ein Gedanke, der den Verlust in etwas Machbares verwandelte: Wenn wir schon ausziehen, dann in etwas wirklich Schönes. Wir haben uns eine tolle Wohnung gesucht. Plötzlich war der Schritt nicht mehr nur Verlust, sondern auch Aufbruch. Und rückblickend war es die beste Entscheidung, die wir treffen konnten.
Wenn du merkst, dass du im Kreis drehst, dass rationale Argumente nicht ankommen, dass das Dilemma dich schon lange festhält, dann ist das kein Versagen. Es ist ein Zeichen, dass du Unterstützung verdienst.
Was du in Dilemma-Situationen tun kannst
- Benenn das Dilemma laut und mit beiden Seiten. Nicht «ich weiß nicht, was ich tun soll», sondern «ich will A und gleichzeitig will ich B, und beides hat Konsequenzen.» Manchmal reicht das schon.
- Lass die Ideallösung los. Frag dich ehrlich: Wenn ich die realistisch nicht haben kann, was gibt es dann für Lösungsoptionen?
- Bring es auf den Tisch, beim Gegenüber oder bei dir selbst. Wer ein Dilemma ausspricht, hört auf, alleine damit zu kämpfen.
- Entwickle eine attraktive Alternative. Wenn ich schon loslasse, dann auf etwas hin. Dieser Gedanke öffnet den Blick dafür, was neu entstehen kann.
- Und wenn es tiefer sitzt als jede Checkliste reicht: Hol dir Unterstützung. Manche Zwickmühlen brauchen mehr als guten Willen.